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für kritische Medienpraxis


EIN BROT MIT MAX WATTS

Verfasst von Richard Herding am 29. November 2010.

Am 23.11.2010 ist Max Watts gestorben. Wir sind sehr traurig.

* * * * *

Beim "Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten" (jede Nummer um die 24 Seiten), der 1973-1981 wöchentlich in Frankfurt am Main erschien (viele Ausgaben im ID-Zeitschriftenarchiv Berlin einsehbar), arbeitete 1977 ein Herr mit, der deutlich älter als die meisten dort tätigen "Szene-Linken" war. Max Watts, Jahrgang circa 1925 ["oi"!, kommentierte dieser], gebürtiger Wiener ["oder New Yorker", M.W.], als Jude 1938 (?) ["Quatsch. Und Quatsch", M.W.] in die Vereinigten Staaten von Amerika emigriert, spätestens durch den Vietnam-Krieg Weltbürger geworden: Amerika, Europa, Afrika, Asien, später und bis heute auch Australien/Ozeanien (das Land dieser Welt, das ihn noch nicht gesehen hat, möge sich melden).

Er war begeisterter Segler, was ihm half, U.S.-amerikanische Soldaten [und ggfs. Soldat_innen, die es laut M.W. schon 1939 gab] beim Desertieren ["RITA = RESISTANCE INSIDE THE ARMY, "Widerstand innerhalb der Armee" war mehr als Desertion!"M.W.] zu unterstützen, als immer mehr bekannt wurde, dass der Krieg in Vietnam nicht der Verteidigung diente und (erinnert sei an die Presseberichte und -fotos von My Lai!) viele Kriegsverbrechen einschloss: Nicht selten brachte Max die "GI's" (= Government Issue, also Staatseigentum; das stand auf den Boxen und schließlich auch auf den Särgen der Soldaten geschrieben) auf einem selbstgesteuerten Segelboot zum Beispiel aus dem NATO-Land Frankreich in internationale Gewässer, sodass es für Regierungen, Armeen und Polizei juristisch nicht mehr so einfach war, sie einzuknasten. ["Die arme Nordkaperen! Oi Woi", kommentierte M.W. mit Bezug auf ein majestätisches Segel-Kreuzschiff, zB 2008 in Palau, Pazifik.]

Im "Informations-Dienst" recherchierte er zum Beispiel wegen der in Stuttgart-Stammheim umgekommenen Häftlinge Baader, Ensslin, Raspe aus der "Roten Armee-Fraktion" und fand -wie auch andere- Ungereimtheiten in den offiziellen Verlautbarungen, die z.B. zu der ID-Überschrift "Man kann es Selbst Mord nennen" führten.

Aus der (meist nicht sensationell üppig ausgestatteten) ID-Küche organisierte er sich zur Mittagspause einige Schnitten Brot, wobei einleuchtender Weise das älteste Brot zuerst gegessen werden sollte. Wenn jemand einwandte "Das ist aber steinhart", bat er um ein Brotmesser zum eigenen Versuch. "WENN ICH'S SCHNEIDEN KANN, KANN ICH'S AUCH ESSEN" -- sprach's, und häufig ging das auch.

Max war mit diesem Land auch über weitere Medien, etwa Zeitschriften wie "Ossietzky" (herausgegeben von Eckart Spoo, Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin) und "Das Blättchen" verbunden. Zu der ID-Veranstaltung am 25. August 2010 mit dem Journalisten und Sozialwissenschaftler Markus Schlotterbeck, wohl der ersten über das "Archiv Soldatenrechte", konnte er leider auch mit dem schnellsten Segler nicht rechtzeitig aus Sydney, New South Wales, Australien, an die Spree kommen.

(Eintritt eines steinharten Schwarzbrots, mit Aufstrichspäckchen.) NEHMT DESHALB DIESES BROT, SCHNEIDET'S, VIELLEICHT KÖNNT IHR'S AUCH ESSEN.

IN DIESEM FALL STREICHT DEN WOHLSCHMECKENDEN WALDORF-SALAT ODER TOMATEN-MOZZARELLA DRAUF. GUTEN APPETIT! wünscht Richard Herding.

(P.S. Die Lebensgeschichte von Max Watts, eine Sensation des wahren Lebens, die locker einige James-Bond-Stories um Längen schlägt, sollte unbedingt geschrieben werden, möglichst solange sein Gedächtnis noch so gewaltig lebendig ist wie in dieser Zeit. Allein seine E-Mails, darunter eine ganze Reihe autobiographische, sind einmalig -- Markus Schlotterbeck kennt einiges davon.)