DIE "KOMMUNIKATIVE KLASSE" ALS HOFFNUNGSTRÄGERIN: Helmut Lindemanns Engagement, die intergenerationelle Wirkung der Protestbeweg
"Achtundsechziger" Kinder, "sch…liberale" Eltern: glückliches Familienleben !
Als "Sch...liberale" wurden in der westdeutschen Protestbewegung seit 1968 diejenigen aus der vorhergehenden Generation nicht gerade liebevoll bezeichnet, die aus der real vorgefundenen Republik noch etwas zu machen hofften, ohne einen Neubeginn bei Null zu verfechten. Wenn ihnen nichts oder allenfalls geringfügiger Opportunismus gegenüber der Nazi-Herrschaft angelastet werden konnte, machte das die Sache für die Jüngeren nicht einfacher. Anti-autoritäres Gebaren richtete sich dann am einfachsten gegen das Alltags-Verhalten, gegen patriarchale Verhaltensnormen oder "politisch unkorrekte" Sprache. Wie ging es zu zwischen den Generationen, wenn Vater oder Mutter noch dazu im Rahmen des demokratischen Neubeginns vorbildliche öffentliche Rollen einnahmen ?
Ein im traditionsreichen Dietz-Verlag erschienenes Buch gibt Aufschluss über eine "politische Familiengeschichte", wie sie kaum praller gefüllt sein könnte von dieser Problemkonstellation. Wichtige Lektüre fast noch mehr im Osten als im Westen Deutschlands, denn viele "verrückte" Erscheinungen bei denen, die 1968 den Pariser Mai überspringen lassen wollten -einschließlich der Ex-Jusos Lafontaine, Scharping, Schröder !- sind für diejenigen, die 1968 Prager Frühling und Sowjetarmee erlebten, überhaupt nur dann im Ernst zu verstehen, wenn die Lebensgeschichten neben den politischen Deklarationen mitgeliefert werden.
Publizist, Protestant, Katholisches Hochland, Linker Vordenker: Hauptsache unabhängig !
Helmut Lindemann, der im Jahr 2002 neunzig Jahre alt wäre, promovierter Jurist an der Berliner (heutigen Humboldt-) Universität in Berlin, überstand die Nazi-Zeit als Journalist für eine Presseagentur in London, Amsterdam, Athen und Stockholm. 1945 zurück in Deutschland, gründete er als erstes die Bremer Kirchenzeitung mit, die heute noch in hoher Qualität für "linken Protestantismus" einsteht, war dann freier Publizist für Medien, die in Westdeutschland den freiheitlichen Antifaschismus verfochten, also: Neue Zeitung, Nürnberger Nachrichten (hier war Joseph Drexel sein Mentor und eine Art Schutzengel seiner Unabhängigkeit), Deutsche Rundschau, Der Monat, Frankfurter Hefte, Gewerkschaftliche Monatshefte, Radio Bremen, Sender Freies Berlin, Westdeutscher / Norddeutscher / Bayerischer Rundfunk, Südwest-Funk und viele andere. Als Nachfolger Jesco von Puttkamers war er im Gespräch für die Chefredaktion des "Vorwärts", woraus aber nichts wurde, unter anderem weil der genannte "Schutzengel" ihm empfahl, auf keinen Fall von der Unabhängigkeit zu lassen, was nun einmal bei partei-eigenen Blättern seine Schwierigkeiten hat. Er war mit Georg Picht und anderen aktiv gegen den "Bildungsnotstand" Anfang der 60er Jahre, arbeitete zwischendurch auch als Schulleiter, gründete die heute innovative "Lindenstiftung" für vorschulische Erziehung. Und, hier ist wirklich das Persönliche politisch geworden: er hatte mit der Bremerin Cornelie Lindemann eine große Familie, sechs Kinder, von denen der Jüngste, Florian Lindemann, mit einem Beitrag -eben über das "Dilemma der liberalen Väter"- in dem Buch vertreten ist. Constanze Lindemann, die bei den ersten selbstorganisierten Druckereien der Protestbewegung dabei war, später als langjährige Vorsitzende der Industriegewerkschaft Medien (heute in der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft) von Berlin muss ebenfalls genannt werden.
Eine Macht der Ideen, Worte, Bilder, Einzelmenschen: Publizisten-Verantwortung !
Lindemann betrachtete den Beruf, die Berufung des Publizisten als eine eigenständige demokratische Aufgabe: wenn das Grundgesetz den Parteien die Mitwirkung an der demokratischen Willensbildung ausdrücklich zugesteht, so zum Glück nicht das Monopol dafür. Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Medien (als Betriebe und Anstalten), Kultur und Wissenschaft - gewiss, aber die PublizistInnen, Einzelne !, sollten laut Lindemann aus eigener Verantwortung und mit der unverwechselbaren Eigenart ihrer Aussage sich bemühen, den Gang der öffentlichen Entwicklung mitzubestimmen. Wenn bei irgendjemand, dann war es bei ihm auch nicht bloßer Wunsch oder Schein. Immerhin hat er Verhandlungen zwischen Deutscher Bundesrepublik und Deutscher Demokratischer Republik, und zwar ohne Opportunismus gegenüber der stalinistischen Diktatur, zu einer Zeit -1964- angeregt, als die Sozialdemokratische Partei sich davon offiziell distanzierte, aber wenig später konnte die "neue Ostpolitik" fast buchstabengetreu mit auf diesen Thesen aufbauen. Mehr, viel mehr von diesem Leistungs-Bewusstsein der "kommunikativen Avantgarde" brauchen wir gerade im sogenannten "Informations-Zeitalter", das ja nicht auf das technische Werkzeug Computer beschränkt sein darf.
Generationen-Politik: nur mit Humor !
Nur wenn auch die Lebens-Geschichten erfahren und verstanden werden, macht zumal die neuere deutsche Geschichte Sinn. Aus dem Lindemann-Band erfahren wir, um es provisorisch zusammenzufassen, was dazu verhilft, dass eine Generation, die "mehr Demokratie wagen" wollte, der nächsten, die "noch mehr Demokratie wagen" will, nicht die Augen auskratzt: das gemeinsame Bildungserbe gehört dazu, das Lernen aus der Horror-Erfahrung der Nazis, sehr viel helfen internationaler Überblick und humanitärer Engagement, vor allem aber braucht es eins: Humor. Welches "68er-Kind" vergisst so schnell, wenn ein Vater wie Helmut Lindemann sich "Kunstdichter Rainer Blödsinn" titulierte, als er im mageren Winter 1946/47 vor dem Essen ein selbstverfasstes "Schweine-Gedicht" rezitierte ?
Informationsdienst: für kritische Medienpraxis, Berlin / Richard Herding (leicht verändert gegenüber dem Text in www.vorwaerts.de)
Helmut Lindemann, Die Arbeit des Publizisten. Essays, Kommentare und Erinnerungen von 1948 bis 1995. Herausgegeben von Klaus Bergmann, Vorwort von Harry Pross, Nachwort von Klaus Bergmann; Beiträge u.a. von Henning Burk. Hildegard Hamm-Brücher, Dieter Sauberzweig, Florian Lindemann, Jürgen Zimmer. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2001, 295 S., € 25,5, ISBN 3-8012-0311-5.
- Autor: Richard Herding
Quelle: © ID Medienpraxis Berlin, Für VORWÄRTS, Rezensions-Abteilung
Verfasst: So., 14.07.2002
Update: So., 14.07.2002
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