GEGENÖFFENTLICHKEIT @ MEDIEN""GUERILLA""

GEGENÖFFENTLICHKEIT @ MEDIEN""GUERILLA"".
ODER ANPASSUNGSDRUCK ODER SELBSTISOLATION ?


Thesen zur Medienwirksamkeit im Internet-Zeitalter, auch im Blick auf den aktuellen Shareholder-Antifaschismus


Täglich reihe ich mich ein in die lange Schlange derer, die Lügen zu verkaufen suchen. Und ich hoffe, Erfolg zu haben
: so oder ähnlich hat Bertolt Brecht die eigene Existenz als Journalist mit bitterböser Hingabe beschrieben. Dagegen ist Medienguerilla, also eine Antwort der grundsätzlichen Verweigerung und der Attacke auf die real existierende Öffentlichkeit als komplettes System die angemessene Antwort.

Öffentlichkeit ist ein herrschaftsfreier, ergebnisoffener Diskussionsprozess, bei der niemand von vornherein ausgeschlossen werden darf und auf den weder Staat noch Markt Einfluss haben: so oder ähnlich nennt Jürgen Habermas die Aufgabe, die uns die französische Revolution als Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit hinterlassen hat. Kapitalismus und autoritärer Staat verzerren diese Öffentlichkeit systematisch, sie bleibt vor allem eines: permanente Aufgabe.

Wir bewegen uns alle, auch wenn wir Bücher über Medien"guerilla" veröffentlichen, in diesem Als-Ob (darum auch jede Menge Anführungszeichen): trotz aller massiven und grundsätzlichen Einschränkungen ist es noch eher sinnvoll, sich so zu verhalten, als wäre herrschaftsfreie Öffentlichkeit annäherungsweise praktizierbar, als das Gegenteil. Es geht also um Arbeit an einer kritischen, system-oppositionellen Öffentlichkeit - im vollen Bewußtsein, dass das Ziel unter den herrschenden, also kapitalistisch-patriarchal-autoritären Bedingungen weitgehend Fiktion bleibt. Grundlage dieser Handlungsweise ist, dass die Unterdrückung und Manipulation im Öffentlichkeitssektor durch Kapital und Staat weitgehend indirekt stattfinden, also nicht in erster Linie durch Knüppel (oder Paragraphen, oder Entlassungen - das alles auch, das Beispiel der Zeitschrift "radikal" soll hier genügen) auf die Köpfe (und Bäuche, nicht zu vergessen, es geht um die rationale und die emotionale Welt) der Menschen, sondern durch ihr zunächst einmal unaufgezwungenes ideologisches Denken und Meinen hindurch.

Das wichtigste für radikale, systemoppositionelle, aktionistische Öffentlichkeit ist es, diese INDIREKTE Verknüpfung von System und MedienÖffentlichkeit zu sehen, und sie nicht zu einem DIREKTEN Repressionszusammenhang zu dämonisieren. Diese Dämonisierung führt statt zu einem aufklärerischen Kampf um die Köpfe zu einer Lagermentalität, in der nicht der Gedanke gut ist, der stimmt, sondern derjenige, der meiner Seite im Kampf nützt. Das hat Merleau-Ponty als Selbstzensur und Propagandalügen in der langen Geschichte linker Öffentlichkeit beschrieben. Wir hatten vor kurzem das abschreckendste mögliche Beispiel: die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, ein ungeheuer wichtiger Schritt gegen die Lebenslüge Nachkriegsdeutschlands (übrigens in unterschiedlicher Weise in Ost und West), die Wehrmacht "an sich" sei im Krieg so sauber oder dreckig wie eben die meisten anderen auch gewesen. Einige wenige Fehler, in denen möglicherweise Fotos von stalinistischen Massakern der Nazi-Armee zugeschrieben wurden, sind nicht rechtzeitig korrigiert worden - der innere Widerstand, dem "falschen Lager" zu nützen und dem "richtigen Lager" zu schaden, dürfte da eine Rolle gespielt haben. Die Ausstellung war dadurch so gut wie "weg vom Fenster", die zeitweise teilweise Weigerung handwerklich genau zu sein, hat fast alles mit in die Unglaubwürdigkeit gezogen.

Die zentrale Vermittlung zwischen System und Öffentlichkeit ist nicht so sehr die Diskussion von Pro und Kontra in aktuellen Fragen. Die funktioniert leidlich, wenn auch verzerrt und mit gigantischen Vorteilen der Mächtigen, sobald ein Thema einmal auf der Tagesordnung steht. Zentral ist das Zustandekommen der Tagesordnung, das "Agenda Setting". Die großen Organisationen, staatlich oder wirtschaftlich, verfügen über Apparate für Öffentlichkeitsarbeit, Public-Relations-Maschinen, die den Medien täglich und stündlich Themen und Thesen vorsetzen, die ihnen das Recherchieren und Interviewen weitgehend abnehmen. So lächerlich und banal das klingt: die Repressionsdrohung, die Drohung mit dem wirtschaftlichen Overkill des Werbungs-Entzugs, alles das spielt seine Rolle, aber im Wettbewerb der Sensationen dürfen wir das nicht überbewerten. Entscheidend ist die alltägliche Arbeitssituation der Medien, die auf die Informationsberge der Großorganisationen baut, weil sie sagen wir mal 80 % der Arbeit abnimmt. Vor allem erspart sie die Recherche. Nur wenige Medien, wie der SPIEGEL und ein paar Fernsehmagazine, kommen über diese Schwelle hinweg. (Dazu gibt es übrigens die Publikation "MedienTenor", eine Initiative von Publizistik-Wissenschaft und Medien-Praxis.)

Das Internet kann diese Situation erleichtern, ich kann zum Beispiel schneller und kostengünstiger u.s.-amerikanische Meinungen und Hintergrundinformationen über Weltbank und Währungsfonds abrufen als vor zehn Jahren, vor allem von kleinen, kritischen, benachteiligten Gruppen, also von "unten". Aber noch ist die systematische und prüfende Nutzung nicht so weit. Außerdem soll und kann auch die beste Internet-Reportage über mexikanische EinwandererInnen in Californien den tatsächlichen, den körperlichen Besuch im Paradies der New Economy nicht ersetzen. Und Primärerfahrung braucht nach wie vor Menschen, Zeit und Geld.

Dazu kommt das Problem des Medienzugangs, der benachteiligte Gruppen in der Gesellschaft ausschließt, und zwar auf zwei Ebenen, der Rekrutierung von journalistisch aktivem Personal und dem direkten Zu-Wort-Kommen. Wo beides zusammenkommt, das ist in unserer Gesellschaft vor allem die auch bildungschencenpolitisch massiv benachteiligte Gruppe der Sinti und Roma, haben wir weitgehende Öffentlichkeits-Verweigerung, die zunächst auch völlig legitim ist: entweder wir kommen nicht zu Wort, oder wenn doch, wird uns das Wort im Munde herumgedreht. Also halten wir lieber den Mund. Lieber gar keine Öffentlichkeit als diese.

Aktuell haben wir die Situation, dass ein über lange Zeit dieser kritischen Öffentlichkeit überwiegend vorbehaltenes Thema von der ökonomisch und politisch dominierenden Meinung aufgenommen wurde, nämlich Antifaschismus und Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit. Das Problem der Tagesordnungs-Herrschaft, also Agenda Setting, taucht in zwei zentralen Punkten auf:

- Nicht "Offene Grenzen" sind das Thema, also Niederlassungsfreiheit als weltweites Menschenrecht, dessen Funktionieren im Einzelnen sozial/technisch/wirtschaftlich geregelt werden muss wie innerhalb der einzelnen Länder auch, sondern Zuwanderung als gesteuerte Bevölkerungspolitik: wir, sprich: das System, wollen mehr computer-qualifizierte, mehr jüngere, mehr rentenbeitragszahlende, eventuell auch mehr seniorInnen-pflegende Menschen im Lande. Also die -immerhin noch- friedliche Form von Sozialdarwinismus, gegen die mörderische Form des Sozialdarwinismus, der sagt: raus aus dem Lande (oder aus dem Reich der Lebenden) mit angeblich minderwertigen Nationalitätsangehörigen oder sogenannten Rassen, mit angeblich unnützen Obdachlosen, mit Schwulen und Lesben; auch Gewalt gegen Frauen gehört dazu, ob sie statistisch zugenommen hat, jedenfalls lassen ausgesucht brutale Fälle zur gleichen Zeit der Nazi-Pogrome durchaus diese Frage stellen.

- Nicht die von den Nazis Diskriminierten und als Opfer vorgesehenen Gruppen kommen zu Wort, übrigens auch nicht die Nazis selbst und die aktuellen oder potentiellen Täter, sondern die staats- und systemtragende "Mitte". Ihre VertreterInnen formulieren den Konsens für rechtlich geregelte Selektion (inklusive Flughafen-Abschiebungen, gelegentlich mit bedauerlicher tödlicher Knebelung, aber ohne Blood-and-Honour-Banden), gegen die unerwünschten Zuwanderungs-Massen. Anders als 1990 bis 1992 gibt es nicht nur die Einbeziehung der Pogromsstimmung in den Mainstream durch die weitgehende Abschaffung des Asylrechts, sondern auch die aktive Abwehr der Ausländerfeindlichkeit, die der Profitmaximierung diesmal schaden könnte, also Shareholder-Antifaschismus.

- Die eine aktuelle Aufgabe zur Stärkung einer kritischen, system-oppositionellen Öffentlichkeit ist also die Stärkung der bedrohten Gruppen in ihrer selbst-bewussten Selbst-Darstellung. Also zB MosambikanerInnen, "schwarze Deutsche", VietnamesInnen, TürkInnen, Sinti und Roma, Lesben&Schwule, die Liste ist leider lang. Die "neuen" Medien transportieren immer am meisten Aufmerksamkeit und Selbstbewusstsein, also hat sich zum Beispiel eine Initiative wie die unsere als erste Aufgabe gestellt: Unterstützt die Webseiten der von den Nazis angegriffenen Gruppen, von aufklärerischen Inhalten (zum Beispiel zum "Rassen"-Begriff in Zeiten der Kampfhunde-Bekämpfung) bis zu unzähligen Witzen, die gegen die Stammtische halten können, und mit der Internet-Ästhetik und -Musik, die ihre Identitäten demonstriert.

Die neuerwachten Kapitalinteressen an der Bekämpfung des "Standortnachteils Neonazis" erfordern außerdem eine neue Darstellung des Zusammenhangs von sozialen Kämpfen und Antirassismus. Sie muss der globalen Bevölkerungspolitik Rechnung tragen, die zum ersten Mal in Deutschland massiv als Arbeitsmarkt-Lenkungspolitik benutzt werden kann. Sie muss versuchen, die Töne von Lohnarbeiter-Nationalismus zu vermeiden, die verständlich sind und die sich ja auch in Seattle in den Chor der Globalisierungs-GegnerInnen eingereiht haben. So etwas wie fairer Bestandsschutz für beschäftigte InhaberInnen würde unter der Fragestellung Sozialdarwinismus von einer Anti-Dumping-Festungspolitik unterscheidbar sein, mit der sich Besserverdienende gegen niedriger bezahlte "Eindringlinge" wehren anstatt gegen die Unternehmer (z.B antipolnische Stimmungsmache auf Baustellen).

  • Soziale Bewegungen lieben bestimmte Medien zu bestimmten Zeiten und rümpfen die Nase über andere. Dass Mediengewohnheiten wichtig sind, wie Kleidung und Frisuren, ist klar. Flugblätter, Alternativzeitungen, Piratenradios, Freie Radios, Videogruppen, Hacker, Internet, nicht zu vergessen die Öffentlichkeit unter Anwesenden, also Sit-ins, Demonstrationen, Happenings/"ungewöhnliche Maßnahmen": die Liste der Präferenzen in den neuen sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte ist lang. Nichts sollte gegeneinander ausgespielt werden, zur Zeit vor allem nicht FreieRadios gegen Internet, was sich ja im übrigen immer besser auch verknüpfen lässt.

    Aber: es geht in erster Linie um Inhalte. Versuche, mediale Konsum-Gewohnheiten (die passive Spießer-Glotze ...) zu kritisieren und zu ändern, sind immer das zweitwichtigste gewesen, und das gilt noch mehr, wenn es vielfach um Leben und Tod geht. Also: das Internet nutzen und die Qualität dort pflegen, alle anderen Medienformen auch; für Freie Radios kämpfen, aber dabei die Gelegenheit nicht auslassen, wenn sie sich bietet, auch im Kommerz-Fernsehen eine kitschige Talkshow zu nutzen, um über Rassismus zu reden.

  • Agitation und Propaganda sind zu wenig, wir alle können mehr: spannende Kontroversen, gute Recherchen machen Medienarbeit erst lohnend und zukunftsweisend. Das gilt noch für die kleinste antifaschistische Webseite oder Kampagnenzeitung.

  • - Oppositionelle Öffentlichkeit ist seit langem "verschränkte" Öffentlichkeit. Das ist ein heikler Punkt. Zahlenmäßig die meisten alten HausbesetzerInnen, Gorleben-DemonstrantInnen, Flughafen-AktivistInnen sitzen in etablierten Redaktionen oder JournalistInnenbüros, auch in der Öffentlichkeitsarbeit von Greenpeace über Wissenschaftszentren bis zu den Kirchen. Wir können sie alle gern und ausführlich als VerräterInnen outen oder entlarven, dass sie auch damals nur Theater gespielt haben. Okay, das war’s dann. Sehen wir aber genauer hin, bemerken wir, was ihre Schreibe oder Rede abgesehen von Alter und Familiensituation "weich" gemacht hat: nicht in erster Linie ideologische Verbote oder Zensurknüppel, sondern so banale Dinge wie Routinen des Arbeitsalltags, Abhängigkeit von den geschilderten Presseerklärungen der Großorganisationen, Termindruck, Sparten-Abgrenzungen, oft schöngeredet als "Professionalisierung". Sie brauchen die autonome Öffentlichkeit zum Überleben, für thematische Anregungen, als politische Abgrenzung in den alltäglichen Kompromissmühlen. Ohne den politischen Druck einer kompromisslosen Öffentlichkeit rutschen die etablierten Medien ganz einfach weiter nach rechts.

  • Also Medien""guerilla"" müsste heißen, Öffentlichkeit zu organisieren, die etwas bewirkt. Nicht eine, die bloß in der Nische agiert und etwas Richtiges vertritt.
  • Autor: © Richard Herding
    Update: Do., 05.10.2000