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für kritische Medienpraxis

ID und sein Logo

Vom 23. April 2010. Autor Tilman Bahls

Von vielen Menschen werden wir nach dem ID-Logo gefragt: Wer hat sich das ausgedacht und wann?

Hier ist unsere Antwort: bitte lesen Sie weiter

 

 

 

 

"Frühling für Hitler"

Vom 26. März 2010. Autor Brigitte Heimannsberg

(Kein Film über den Holocaust, auch kein europäischer. Sondern ein Musical aus den U.S.A.,  in der Stadt, wo der Holocaust geplant und von der aus er organisiert wurde. Aber eine Erfahrung, die dazu gehört!)

 

Ob Sie’s mit dem Rücken zur Bühne und den Augen zum Publikum gesehen haben, oder umgekehrt – es war eine faszinierende Erfahrung: ein paar hundert Meter von der Stelle entfernt, wo ein Herr Hitler sich im Jahr 1945 Gift nahm und anschließend eine Kugel erfolgreich in den Kopf gejagt bekam, lief  mit großem Erfolg im Juni/Juli 2009 das Broadway-Musical von Mel Brooks, „The Producers – Frühling für Hitler“. Verbilligung gab es für Leute bis 28 Jahre, wenn auf der Bestellung „Jungvolk“ vermerkt war, der Ausdruck für die Hitler-Jugend im Dritten Reich.  Also: voller Geschmack, von Anfang an.

"Springtime for Hitler"

Vom 26. März 2010. Autor Richard Herding

Mel Brooks' Broadway musical "The Producers / Springtime for Hitler" could be watched at Berlin's Admiralspalast until July 19, 2009. Persons up to 28 benefitted from a flatrate privilege, if their ticket order was accompanied by the term "JUNGVOLK" -gimme a break!- which in the Nazi language of the Third Reich means the "Hitler Youth" association. Got that?

DER ID IST TOT - ES LEBE DER ID !

Vom 3. April 2007. Autor Das ID-Team
Der Informationsdienst für kritische Medienpraxis in Berlin braucht neue Impulse! Um den Generationswechsel zu vollziehen, brauchen wir Eure/ Ihre Beteiligung. Ob an laufenden Projekten oder mit neuen Ideen – wir sind offen dafür!
Daneben ist eine Ressource – leider schon selbstverständlich –  unverzichtbar: Geld.

 

Gerade in dieser Aufbauphase benötigen wir deshalb Eure/Ihre Spende!

 

INFORMATIONSDIENST: FÜR KRITISCHE MEDIENPRAXIS e.V.,
Bank für Sozialwirtschaft Berlin, BLZ 10020500,  Konto 3099300

Der gespendete Betrag kann auch zweckgebunden sein. Da die Arbeit als gemeinnützig anerkannt ist, lässt sich der Betrag steuerlich absetzen.

In jedem Falle Vielen Dank!    Das "ID-Team"

Prozess Berlichingenstraße 12

Verfasst von Petra Leischen am 5. Januar 2017.

Wir laden ein für nächsten Dienstag, 10.1.2017 um 9 Uhr zum Besuch der Gerichtsverhandlung zur Räumungsklage gegen die Bewohner der Berlichingenstraße 12, Landgericht Berlin, Tegeler Weg 17-21, Raum: 142, Bus 109, Haltestelle Osnabrücker Straße, Nähe Mierendorffplatz
Kommt zur Unterstützung!!

Das Spinnennetz nach einem Roman von Joseph Roth

Verfasst von Petra Leischen am 19. April 2016.


Am 20igsten April ab 18.00 zeigt der Informationsdienst: für kritische Medienpraxis einen Film von Bernhard Wicki "Das Spinnennetz". Der Film zeigt die Verflechtung von deklassierten Kleinbürgern, Teilen des Adels und dem Großbürgertum mit der sich neu formierenden äußersten Rechten, die im Nationalsozialismus endete. Im Anschluß an den Film wollen wir diskutieren ob wir es bei der neuen deutschen Rechten mit einer ähnlichen Erscheinung zu tun haben. Wir freuen uns auf Euch. Das ganze findet im Haus der Demokratie und Menschenrechte in der Greifswalder Straße 4 10405 Berlin im Vorderhaus im Veranstaltungsraum im 2ten Stock statt. Die Tram 4 bringt euch vom Alexanderplatz oder vom S- BHF
Greifswalder Straße aus hin.
Petra und Richard

Aus dem Rundbrief des Harald Thomé Wissenswertes rund um die Sozialgesetzgebung und die Asylrechtsänderung.

Vom 29. September 2015. Autor Harald Thomé

1. SG Dresden beurteilt die Sanktionen bei Hartz IV ebenfalls als verfassungswidrig
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Mit Beschluss vom 26.5.2015 hat das SG Gotha (S 15 AS 5157/14) die Ansicht vertreten, dass die Sanktionsregelungen im SGB II verfassungswidrig sind und die Frage dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt. Das SG DRS hat sich dem im Urteil vom 10.08.2015 (S 20 AS 1507/14) am Rande, aber deutlich, angeschlossen: „Damit kann es [Anmerkung: in diesem konkreten Fall] offen bleiben, ob die § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 i. V. m. § 31a Abs. 1 Satz 3, § 31b SGB II wegen Verstoßes gegen das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums (Art. 1 Abs. 1 GG i. V. m. dem Sozialstaatsgebot, Art. 20 Abs. 1 GG) verfassungswidrig sind, wovon die Kammer überzeugt ist (vgl. im Einzelnen SG Gotha, Vorlagebeschluss vom 26. Mai 2015 – S 15 AS 5157/14 –)“.
Das SG DRS Urteil gibt es hier: https://sozialgerichtsbarkeit.de/sgb/esgb/show.php?modul=esgb&id=180102&s0=&s1=&s2=&words=&sensitive=


2. Neue fachliche Hinweise der BA zum SGB II
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Die BA hat die fachlichen Hinweise zu § 21 SGB II neu aufgelegt. Im Dez. 2014 hat der deutsche Verein neue Krankenkostempfehlungen rausgegeben, mit Verspätung von einem ¾ Jahr kriegt es auch die BA mal auf die Reihe die dahingehenden Hinweise zu modifizieren.
Diese gibt es hier: http://www.harald-thome.de/sgb-ii---hinweise.html


3. Geplante Änderungen im SGB XII zu Lasten der Betroffenen / SGB XII – Änderungsgesetz 2016: Gesetz gegen Gerichtsentscheidungen
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Für die Betroffenen positive höchstrichterliche Entscheidungen führen immer noch und immer wieder zu negativen Gesetzesänderungen zulasten der Betroffenen. So ist jetzt ein kleiner Vorstoß im SGB XII geplant. Dazu näheres von Herbert Masslau auf dessen Webseite: http://www.herbertmasslau.de/sgb-xii-aenderung2016.html


4. GGUA Stellungnahme: Entrechtung per Gesetz: Bundesregierung plant umfassendes Desintegrationsprogramm für Flüchtlinge
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Hier eine etwas genauere Bewertung zum geplanten Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz. Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf zum so genannten „Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz“ vorgelegt. Entgegen seinem Namen handelt es sich in Wahrheit um ein Integrationsverhinderungsgesetz, das viele mühsam erreichte Verbesserungen, die erst kürzlich in Kraft getreten waren, wieder einstampft. Der Gesetzentwurf ist eine in Paragrafen gegossene Rolle rückwärts – als wären die jahrelangen Diskussionen um Willkommenskultur und Paradigmenwechsel spurlos an der Bundesregierung vorbei gegangen.
Die Stellungnahme gibt es hier: http://www.fluechtlingsinfo-berlin.de/fr/pdf/GGUA_Entrechtung_per_Gesetz.pdf


5. Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz – Wortlaut
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Die Kollegen von GGUA Münster haben die geplanten Gesetzesänderungen im Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz in die Gesetzestexte eingearbeitet und gegenübergestellt (super Arbeit!), mit dem Kommentar „Damit wir wissen, wovon wir sprechen...“. Auf diese Änderungen will ich hier hinweisen, im Einzelnen:
- Asylverfahrensgesetzes http://ggua.de/fileadmin/downloads/AsylG/Die_geplanten_Paragraphen_des_AsylVfG_21_September_15.pdf
- AufenthG: http://ggua.de/fileadmin/downloads/AsylG/Die_geplanten_Paragraphen_des_AufenthG_21 - AsylbLG: _September_15_breit.pdf
- AsylbLG: http://ggua.de/fileadmin/downloads/AsylG/Die_geplanten_Paragraphen_des_AsylbLG_21_September_15.pdf
- Zugang zum Arbeitsmarkt (BeschV): http://ggua.de/fileadmin/downloads/AsylG/Die_zu_erwartenden_Paragraphen_der_BeschV_Stand_21_September_15_breit.pdf
- Zugang zumIntegrationskurs (IntV): http://ggua.de/fileadmin/downloads/AsylG/Die_zu_erwartenden_Paragraphen_der_IntV_Stand_21_September_15_breit.pdf

Begegnungen mit unbekannten Fremden Mein Aufeneinandertreffen mit Günter Grass und Martin Walser

Verfasst von Petra Leischen am 13. September 2015.

Begegnungen mit bekannten Fremden

Mein Aufeinandertreffen mit Günter Grass und Martin Walser

von Sven Bremer im Mai 2013

 

Weinkonsum wurde zu allen Zeiten der Menschen, von der Antike bis zur Gegenwart, in einem eigenen Literaturgenre, den Trinkliedern besungen. Nach dem griechischen Mythos spendete ein Gott namens Dionysos den Menschen dieses Getränk. Er brachte einen Schlauch Wein in das Haus des Pflanzenzüchters Ikarios, den er daraufhin dann in den Rebbau einweihte. Die Anakreontik ist eine literarische Strömung, in der der Wein, sein Gott Dionysos und das Feiern mit Wein, in lyrischer Form geehrt werden. Wein konnte schon immer verantwortlich für Kunst und Kultur sein. So wurde das Getränk in zahlreichen Erzählungen erwähnt. Wie zum Beispiel im griechischen Heldenepos der Odyssee. Der Held Odysseus gerät auf seiner hindernisreichen Heimfahrt von Troja in die Höhle eines Zyklopen. Seine Lage scheint aussichtslos, hätte er da nicht einige Schläuche voller Wein dabei, die er dem Ungeheuer anbietet. Der Riese versinkt im Weinrausch und Odysseus kann sich mit seinen Gefährten retten. Auch im alten Testament finden sich zahlreiche Belege für Rebbau und den Weinkonsum. Gott selbst stiftete den Menschen nach der Sinflut den Weinstock und Noach baute ihn an. Seine Söhne entdeckten den Vater betrunken. Sogar in den sorgsam bereinigten Märchen der Gebrüder Grimm bringt Rotkäppchen ihrer Großmutter „Kuchen und Wein“. In der Neuzeit setzen Dichter wie Friedrich Hölderlin in seiner Elegie „Brot und Wein“ dem Wein ein Denkmal, als Gabe des Himmlischen. Ich habe Grass und Walser nicht ohne Wein erlebt. Aber wie ein alter gereifter Wein, sind sie vorsichtig zu genießen. Besonders wenn sie ihren Zenit schon lange erreicht haben und immer noch nicht geleert sind. Sicherlich streiten sich noch mehr Autoren der Gegenwart um das Amt des Bacchus in der deutschen Literatur, aber ihr Wort geht nicht unter im Stimmgewirr der vielen anderen, sondern wird gehört. Im Land der Dichter und Denker sind wichtige Autoren oft sehr mit der eigenen Landesgeschichte verbunden. Durch das persönliche Schicksal, durch ihren Lebensweg oder durch die Themen mit denen sie national und international beachtet werden. Die deutschen Erfahrungen zwischen dem 2. Weltkrieg und der Wende züchteten eine spezielle Art Schriftsteller. Der Autor der Nachkriegszeit, beeinflusst von der Zeit der Studentenunruhen und des kalten Krieges, der sich dann doch etabliert hat und den Mauerfall als Glücksfall der Geschichte erlebte, diese Gruppe Schriftsteller ist im aussterben inbegriffen. Er würde heute nicht mehr nur in dieser Form so nicht mehr entstehen, sondern die letzten noch Verbliebenen Autoren, dieser Generation werden zunehmend missverstanden oder überhaupt nicht verstanden wenn sie versuchen, von Moral oder den ewigen Lehren der Vergangenheit zu sprechen. Das alte Spiegel irgendwann den neuen weichen müssen ist nur natürlich. Entweder sind sie zu beschädigt, kaputt gegangen oder einfach nicht mehr modern. Auch können sie mit der Zeit ausbleichen und die Wirklichkeit nicht mehr genau genug wiedergeben. Dennoch können die Einzelschicksale der Autoren dieser so wichtigen und bewegten Zeit, an ihrem jeweiligen Lebensabend sehr unterschiedlich sein und verraten damit, das nicht immer die Zeit oder eine Gesellschaft Schuld ist wie weit es für einen gekommen ist, sondern auch das eigene Bestreben sich aus solchen Entwicklungen zu befreien zu wollen. Die nachfolgende Generation von Autoren ist deshalb nicht besser oder schlechter geworden. Sie haben ihre Schwerpunkte selbstverständlich anders gesetzt und viele wollen nur noch reine Unterhaltung bieten. Jede Erneuerung verbirgt auch einen Irrtum in sich, ebenso wie jedes Samenkorn schon den Tod in sich programmiert hat. Ich hatte einige Begegnungen mit Kollegen und dieses Kennenlernen oder dieses Aufeinander prallen war oft sehr unterschiedlich. Meine Treffen mit Grass und Walser dienen hier nur als Beispiel und sie waren selbstverständlich oberflächlich. Aber dennoch stehen sie auch für die Entwicklung, die Nähe und den Abstand zwischen der Literatur von gestern und dem Zeitgeist heute. Wie so oft konnte man auch in ihrer Gegenwart beobachten wie sich Vergangenheit und Gegenwart wieder einmal, sich in den alltäglichen Ereignissen manifestieren. Günter Grass traf ich zum ersten mal im Spätsommer 2007. Er hielt eine Lesung im Berliner Ensemble. Der SS-Skandal war noch frisch und das Publikum applaudierte als Unterstützung, als Grass dieses Thema bei seiner Lesung wie zufällig streifte. Er las damals aus „Dummer August“ vor. Eine weitere autobiografische Lyrik von ihm. Hängen blieb bei mir davon nur der Teil über Insel Hiddensee, weil ich die Insel auch kenne und liebe. Grass las im stehen und trank immer mehr Rotwein dazu. Danach signierte er Bücher, aber weigerte sich Widmungen zu schreiben, wie ich beobachten konnte. Ich wechselte in diesen Momenten nicht allzu viel Worte mit ihm. Wie der Zufall es wollte ging er und seine zwei ähnlich alten Begleiterinnen, ebenso wie ich mit meiner Begleiterin zur gleichen Zeit aus dem Gebäude. Draußen waren wir dann für einen Moment von der Masse der anderen Leute entfernt. Grass und seine Begleiterinnen steuerten auf das Brecht Cafe´ zu. Ich sprach ihn nochmal an, ohne groß vorher drüber nachzudenken. Ich stellte mich ihm als Autor vor. Auf meine kurze Erwähnung ich sei Schriftsteller, antwortete er wie im Reflex, das er auch Autor wäre. Dann gab er mir von Kollege zu Kollege noch einen Tipp der mich recht verblüffte. Ich solle bei Lesungen nicht „nuscheln“. Viele Jungautoren nuscheln bei Lesungen, meinte er. Diese literarische Offenbarung war mir bisher unbekannt. Nuschelnd vom Wein, verabschiedete er sich. Zu dieser Zeit und auch in den späteren Jahren war ich aktiv im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin, insbesondere im Informationsdienst für kritische Medienpraxis tätig. Dort kam der Plan auf, Grass doch mal zu einer Lesung in den Robert - Havemann Saal, des Hauses einzuladen. Ich hatte selbst schon einmal in diesem Veranstaltungssaal gelesen und die Veranstaltung sollte für Schüler und Jugendliche sein. Nicht nur für Gymnasiasten, sondern auch für Realschüler oder Hauptschüler. Ich sollte mit Grass Kontakt aufnehmen. So hatte ich in dieser Zeit einigen Kontakt mit Hilke Ohsoling, der Privatsekretärin von Grass. Ich sollte ein Konzept schicken. Es wurden extra Fotos gemacht, Texte geschrieben und alles wurde an das Günter Grass- Haus, in die Lübecker Altstadt gesendet. Frau Ohsoling legte es dann Grass vor, der dort einmal die Woche vorbeischaute um mit ihr aktuelles zu besprechen. Sie teilte mir mit das er für eine Lesung ca. 5000,00 EUR haben wollte. Das Haus der Demokratie und Menschenrechte hatte allerdings Schwierigkeiten soviel Geld für eine Lesung aufzutreiben. Obwohl ich später von der Chefin des Literatursalons Greifswald viel höhere Summen hörte, die Grass wohl für Lesungen genommen hat. Frau Ohsoling signalisierte, das man mit Grass bei gewissen Veranstaltungen auch mit weniger Geld sich einig werden kann. Gerade die Veranstaltungen im Haus der Demokratie waren sehr sozial angelegt und sollten nicht all zu viel Eintritt kosten. Im Saal passen ca. 100 Leute hinein, wenn jeder 10, - EUR bezahlt, hat das Haus 1000, - EUR für Grass zusammen. Letztendlich lehnte Günter Grass trotzdem ab. Dafür kaufte Hilke Ohsoling Jahre später den Druck eines Portraits, was ich von Grass gezeichnet hatte. Sie wollte mir aber nicht mitteilen zu welchen Zweck sie es gekauft hatte.

Ich sollte Grass aber noch ein weiteres mal begegnen. Das war im Dezember 2011. Es war auf der Gedenkveranstaltung zum Tod von Christa Wolf. Die Veranstaltung fand in der Akademie der Künste statt. Grass nutzte den Abschied für eine Generalabrechnung mit westdeutschen Kritikern der Presse. Später sollte ich über diesen Abend lesen, das Grass mit seiner Rede dort den erbitterten „Literaturstreit“ wieder wach gerufen hatte, der vor mehr als zwanzig Jahren für Verletzungen auf allen Seiten sorgte. Nach dem Fall der Mauer, protestierte Grass leidenschaftlich in seiner Anklage, sei Christa Wolf im Westen behandelt worden, „als wollte man eine öffentliche Hinrichtung zelebrieren“. Der sonst im Alter zerbrechlich wirkende Mann, reagierte zornig in den Erinnerungen an Christa Wolf. „Was ihr im eigenen, trotz allem geliebten Land von Staats wegen zugefügt worden war, wurde nun in ähnlicher Praxis fortgesetzt, sozusagen gesamtdeutsch und unterm Schutzschild Meinungsfreiheit“, sagte er voller Wut, „Verleumdungen, verfälschte Zitate, der immer wieder versuchte Rufmord.“ Grass erinnerte auch an die Zeit, als 1990 ihr Buch „Was bleibt“ erschien – ein Bericht, wie sie und ihre Familie von der Stasi überwacht wurden. Die führenden Blätter „Zeit“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hätten Wolf damals vorgeworfen, sie sei zu „feige“ gewesen, das schon zehn Jahre zuvor entstandene Buch noch in der DDR zu veröffentlichen, erinnert der heute 84-Jährige Grass. „So schäbig ging es im Jahr der deutschen Einheit zu.“ Warum er in dem „Morast des Veröffentlichungsjahres“ verharrt, so fragt er sich selbst. Doch diese Frage bleibt an diesem Abend eine rein rhetorische Äußerung. Als ich mich später im nach hinein zu dieser Veranstaltung informierte, las ich das sich die FAZ am nächsten Tag zu den Äußerungen des Literaturnobelpreisträgers nicht äußern wollte. „Das spricht für sich.“, kam nur von

Feuilletonchef Patrick Bahners gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Dagegen nannte der von Grass direkt angesprochene frühere Feuilletonchef der „Zeit“, Ulrich Greiner, den Vorwurf einer Kampagne haltlos. Er meinte, in seinem Blatt habe es zu der Wolf-Erzählung einen Pro-und einen Kontra-Artikel gegeben. Bei diesem Format sei es üblich, jeweils nur die positiven beziehungsweise die negativen Argumente zu bringen. Mein Eindruck war das Grass wieder Wellen angeschlagen hatte. Zwischen dem SS-Skandal und der Mediendiskusion über sein Gedicht „Was gesagt werden muss“, in dem er Israel kritisierte, hatte man den Eindruck, das Grass von einer Schlacht zur anderen zog und fortwährend die moralischen Horizonte Deutschlands frei zu sprengen versuchte.Christa Wolf war eine wichtige Schriftstellerin und wir hatten einen gemeinsamen Freund, der auch mit Familie Wolf gemeinsame Projekte realisiert hatte. Zudem war Christa Wolf zusammen mit ihrem Mann im selben Kunstverein Pankow e.V. wie ich. Allein deshalb war die Veranstaltung für mich schon ein Pflichtbesuch. Mit anderen Besuchern wie zum Beispiel Dr. Gesine Lötzsch, die damals noch die Parteivorsitzende der Linke war oder Matthias Platzeck, den Ministerpräsidenten von Brandenburg hörte man die verschiedenen Wegbegleiter Wolfs. Klaus Wowereit trug als erstes seinen Redebeitrag vor und verschwand dann noch während der laufenden Veranstaltung. Günther Grass hielt gegen Ende seinen provokanten Vortrag. Nach der Veranstaltung drückte ich Gerhard Wolf mein Beileid aus und sprach danach auch wieder mit Grass. Ich meinte zu ihm das mich seine Ausführungen zu den Medien, insbesondere seine Kritik stark daran erinnert haben wie die Medien ihn behandelt haben, aus seiner Sicht. Er meinte dann lachend: „Das ist wieder ein ganz anderes Thema!“. Ich nehme die beiden wichtigsten lebenden deutschen Schriftsteller als Beispiel für die Entwicklung der literarischen Zeit und für die das veränderte Deutschland, das seine Dichter und Denker erst würdigt und dann als Antisemiten beschimpft. Nachdem jemand seine größten Erfolge gefeiert hat, ist er eben noch gut für die größten Skandale. Und Deutschland nimmt den Begriff des Antisemiten gern zur Hand. Doch Nationalisten sind beide, jeder auf seine Weise. Jeder der beiden Autoren ist fest mit seinem Leben und der deutschen Historie verwachsen. Meine Begegnungen mit ihnen, hätte wahrscheinlich jeder Literatur-Begeisterte so erleben können. Doch so banal meine Treffen mit ihnen auch abliefen, so banal kann auch das Ende eines großen Lebens sein. Wie eine einstmals glühende Sonne die sich am Ende ihrer Existenz aufbläht und dann zu einem Weißen Zwerg zusammenfällt. Grass und Walser unterscheidet dennoch einiges. Grass seiner Meinung, muss man sein. Walser seiner Meinung, möchte man sein. Grass ist unsere moralische Anstandsdame, ungeliebt aber dennoch notwendig. Walser dagegen züchtet seinen Charme aus seinem Kampf mit den Rechtfertigungen. Das Recht zu fertigen ist ein Ansatz vergangener Generationen und somit aus unserem Gesellschaftlichen Fokus entschwunden. Was verschwunden ist suchen wir um es irgendwie zu finden, ob nun gut oder schlecht zu finden ist dabei fast egal. Beide haben jetzt schon mit ihren Geschichten Geschichte geschrieben. So wie einst Goethe und Schiller oder Thomas und Klaus Mann haben sie schon ihren Platz im Himmel der deutschen Literatur sicher. Auch wenn die Geschichte sie auf der Erde schon längst überholt hat. Auf der Erde, auf den Boden der Tatsachen ist Fiktion nicht viel wert. Die Prominenz ihrer Person überschattet jeden Lichtblick in ihren neuen Veröffentlichungen. Martin Walser traf ich im Mai 2012 im Nikolaisaal in Potsdam. Es war ein schöner warmer Frühlingstag den man leicht mit einem Augenblick im Sommer verwechseln konnte. Walser probte seine Lesung, dann durften die etwa 100 bis 150 Besucher reinkommen. Auffällig war das durchschnittliche Alter der Gäste mit über 50 Jahren. Später kamen auch einige junge Besucher dazu. Walser ließ sich nicht blicken bis alles soweit war. Sein junger Manager und seine junge Moderatorin umkreisten ihn. Nach der Anmoderation kam er von der ersten Reihe aufs Podium und hielt eine Lesung aus seinem Buch: „Meine Lebensreisen“. Das dauerte ungefähr 45 Minuten. Höchst routiniert, aber professionell wurde er zum alten Mann der sich selbst gern mal zurück nahm, oder es brachen seine Worte überraschend kraftvoll in schwungvollen Gestiken aus ihm hervor. Er war auch spontan und nicht wortkarg in seinen Kommentaren. Einmal verrutschte sein

Blatt im Buch und einmal stieß er seinen Kopf an seinem Mikrophon. Walser erzählte in Humorvoller Weise von seinen Aufenthalten in der DDR zur Leipziger Buchmesse, seinen Anekdoten in den USA und seine Erinnerungen aus seiner Zeit in Großbritannien. Er lernte Schauspieler Freunde in England kennen und die wollten das er doch zu ihnen ziehe, aber er erzählte ihnen das er daheim noch eine „Chicken Farm“ habe, die ihn braucht. Nach der Lesung gab es eine Diskussion mit viel Weißwein und dem Chefredakteur der Welt Gruppe. Der hatte ihn schon in den 60ziger Jahren einmal als Schüler interviewt. Die Fragen waren zahm und verzierten eher Walsers Antworten. Sie waren reine Stichwortgeber zu Walsers langen Ausführungen. Der Chefredakteur widersprach nicht Walser, sondern Walser widersprach eher ihm. Aber aufgrund einer Idee des Redakteurs hatte Walser seine Lebensreisen überhaupt veröffentlicht. Mit einem neuen Text und vielen alten Reiseberichten die allerdings vorher schon in so dicken Bänden erschienen sind das sie keiner mehr lesen wird, meinte Walser. Seinen Weißwein ließ er sich nach schenken und goß sich auch immer selbst noch was ein. Bis man den Eindruck hatte das er angetrunken sei. Trinken, damit man für seine Worte nicht verantwortlich sei, sagte er dazu und spielte auf eine Aussage in seinem Buch an. Er kritisierte auch Egon Bahr, der als entscheidener Vordenker und Mitgestalter der Ostpolitik der Regierung Brandt gilt, von 1972 bis 1974 Bundesminister für besondere Aufgaben und von 1974 bis 1976 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit war. Bahr soll vor der Wende immer für die Akzeptanz der deutschen Teilung gekämpft haben. Er soll damals wohl vor einen Krieg gewarnt haben, wenn man die Teilung Deutschlands nicht annimmt. Nach der Wende sterilisiert Bahr Brandt und letztendlich auch sich selbst als große Vordenker der Wende. Nach Walser war das jedoch ganz anders. Aber gut, meinte Martin Walser, das sind ja alles Fachmänner. Der Moderator bot dem Publikum an Fragen zu stellen. Es kamen drei Fragen. Von drei eher jungen Gästen. Ich war Fragesteller Nr. 2. Ich fragte ihn warum er bei seinem Roman „Brief an Lord Liszt“ den Protagonisten „Horn“ genannt habe. Für mich klinge das wie eine Disharmonie im Text. Walser hörte mit runzelnder Stirn zu, fragte nochmal nach wie ich das fand, der Moderator nannte wieder meinen Begriff Disharmonie und Walser antwortete mir ebenso wie den anderen Fragestellern. Seine Antworten auf der Bühne wirkten eher so als würde er die Fragen sehr uninteressant finden, aber dennoch waren seine Antworten spontane Vorträge nach allen Richtungen. Er begann in der Antwort an mich das ja jeder sein eigenes Buch liest und darin die Dinge sieht, die man selber sehen möchte. Er kann nicht sagen warum er ihn damals so genannt hatte. Meine Gedanken dabei waren: Welche Bedeutung steckt hinter dem Namen? Hat er eine Bedeutung? Lord Liszt klingt wie Listig und der Protagonist Krott klingt wie ein verzerrter Gott aus dem Buch „Überlebensgroß Herr Krott“. Aber Walser wollte sich nicht schon wieder rechtfertigen, sagte er und verschwieg einen Kommentar den er gerade noch sagen wollte. Dann nannte er Beispiele wo sich Namen von Figuren in seinen Texten unbewusst entwickelten. Lange Zeit, während des Entstehungsprozesses, hieß der eine so und so und dann plötzlich musste er wieder umbenannt werden. Ich selbst weiß aus meinem schriftstellerischen Handwerk das man stets eine Vorstellung von seinen Helden hat und dabei kann man deren Namen nur schwer willkürlich wählen. Manchmal steckt auch eine kleine Geschichte dahinter. Bei einem so klaren Namen wie Horn, der kein Müller oder Meier ist hätte ich mehr vermutet. Mir kam meine Frage auch sehr aufgesetzt und nebensächlich vor, aber mich interessierte ein flüchtiger Blick in die Werkstatt des sogenannten Meisters. Als nächstes bekam er, von einem anderen Gast, die Frage was für ihn das negativste sei. Er meinte das solle er lieber den Fragesteller fragen. Walser selbst tut sich immer schwer mit Superlativen, meinte er. Er wende sich auch immer mehr den positiven Dingen zu, wenn es schon Superlative sein müssen, da sie ihn mehr reizen. Walser sprach unter anderem auch von seinem neuen Buch: „Das 13. Kapitel“, das im September 2012 erscheinen wird. Dieses Buch bildet den Abschluss einer Trilogie. Ebenso wie Goethe drei Gedichte zu der „Trilogie der Leidenschaften“ zusammengefasst hatte, am Ende seines Lebens, so fasse er auch seine drei letzten Bücher zu einer Trilogie zusammen. Man könnte sie „Trilogie des höheren Scheiterns“ nennen, meinte er. Dann später sagte er noch einmal das er sie wirklich so nennen wird. „Danke Potsdam!“, rief er zum Publikum das ihm applaudierte. Die Lesung hatte ihm einen guten Titel gebracht und das Publikum war live dabei

wie Martin Walser dichtete. Dies alles waren interessante Erfahrungen, aber nicht alle seinen Worte empfand ich als sensibel genug. Er hatte auch einen negativen Ton in seinen Erinnerungen an die DDR eingeschlagen. Er machte sich in seinem neuen Werk lustig über die DDR-Grenzkontrolle, lobte das unbewohnte Land, nannte es brüderlich naiv und sein Moderator meinte wir wären uns ja alle einig das der DDR Staat ein sehr schlechter war. Aber dabei hatte er hoffentlich nur das Regime im Auge, denn in der ehemaligen DDR gab es einen Alltag der nicht nur Unterdrückung oder Konsummangel darstellte. Man wird den Menschen nicht gerecht die in so einem Staat lebten und zuhause waren, wenn man den Staat als gesamtes verteufelt. Sein Blick blieb trotz DDR-Besuche ein Blick von außen und er muss fast aufpassen das dieser Blick nicht von zu großer Höhe gesenkt wird. Nach dem ganzen Trubel konnte ich mich dann etwas besser mit Walser unterhalten. Ich stellte mich ihm vor als derjenige der die Horn Frage gestellt hatte. Er sagte mir dann etwas was er auf der Bühne wohl nicht sagen wollte, oder was ihm da noch nicht zu eingefallen war. Der Franzl Horn seiner Geschichte käme wohl noch in einer anderen Geschichte vor. Ich zeigte ihm das Buch „Brief an Lord Liszt“ und zwar in der 1. Auflage vom Aufbau-Verlag aus der DDR. Es war eine Bibliotheks-Ausgabe von 1984. Sogar noch mit dem Schein von der Bibliothek drin. Walser nahm das Buch verwundert in die Hand und schaute auf den Haupttitel im Buch. Dann meinte er, das habe er noch gar nicht gewusst das der Aufbau-Verlag dieses Werk von ihm veröffentlicht hat. Ich stellte mich ihm als Autor vor. Seine Miene hellte gleich auf und er reichte mir seine Hand und begrüßte mich so gleich erfreut. Ich schenkte ihm das Buch „Strandgut“ von mir und er bedankte sich überrascht. Er meinte dann, er hätte auch schon mal so einen ähnlichen Titel verwendet. Er hätte mal einen Text mit „Strandfest“ betitelt. Ich fragte ob er das Buch auch signiert haben wollte und so kam es das ich auf einer Martin Walser Autogramm Stunde, Martin Walser ein Autogramm von mir gab. Er bedankte sich. Dann erklärte ich ihm kurz den Titel meines Buches, das ja eine Sammlung von Kurzgeschichten sei, die sehr unterschiedlich sind. Strandgut kann auch sehr unterschiedliche Dinge beinhalten, wertvolle oder wertlose, aber Strandgut ist auch etwas chaotisches. Daher die Verbindungen zu meinen Geschichten. Walser hörte wieder mit gerunzelter Stirn zu und ich hatte den Eindruck das er zwar aus Höflichkeit zuhörte, aber keinerlei Meinung dazu hatte. Er überflog auch die einzelnen Titel im Inhaltsverzeichnis. Ich sollte ihm dann auf der letzten Seite im Buch meine Adresse und meine email aufschreiben. Wenn ihn das Buch anspricht und ihn beeindruckt dann würde er sich melden, meinte er zu mir. Aber im Alter wird auch die Kraft und die Zeit immer weniger, sagte er noch. Ich erwiderte das könne ich verstehen. Dann erzählte ich auch noch von meinem Verlag kurz, in dem ja auch der Autor Johannes Jansen veröffentlicht, der ansonsten im Suhrkamp Verlag seine Bücher herausbringt, ebenso wie Walser einmal. Aber ihm war Walser kein Begriff. Wenn ich nicht von ihnen höre, dann lese ich von ihnen, sagte ich zu ihm. Oder ich lese von ihnen, meinte er daraufhin zu mir. Na ich glaube nicht, entgegnete ich wiederum, sie sind ja viel bekannter als ich. Da lachte er. Was soll man miteinander reden wenn man sich nicht wirklich kennt oder auch keine gemeinsamen Erlebnisse hat? Aber redet nicht auch ein Autor ständig zu einem Publikum das er nicht wirklich kennt und vor dem er sich dennoch geistig entblößt? Ich selbst habe einen flüchtigen persönlichen Eindruck von den Autoren gewinnen dürfen, die in der Welt der Literatur soviel beeinflusst haben und mir wurde einmal mehr deutlich, wie stark das Werk eines Autors seiner Biografie widersprechen oder bestätigen kann. Ebenso wie die Literatur die Zeit in der sie entstanden ist widersprechen oder auch wieder bestätigen kann. Der eine fragt nach der Rechtfertigung hinter dem Wort und der andere verschickt Gedichte, wie Firmen ihre Mahnungen. Was wird danach kommen? Und mit dieser Frage könnte meine kleine Geschichte gut enden, wäre da nicht noch der dritte Poet. Der Gott des Weines Bacchus hat Grass und Walser geholfen und er wird auch nachfolgenden Autoren helfen. Wer nach meinen Gedanken zu diesen beiden Autoren nicht doppelt sieht, kann ein Trinkspruch auf Bacchus anstoßen: „Ist das Leben noch so schwer, ist das letzte nette Wort schon lange her, denk dran Wein schmeckt auch sauer, doch mit der Dauer, wird man blauer und schließlich davon schlauer.“

 

Ende

 

Copyright bei Sven Bremer und Sven Bremer Verlag 2013 / Nachdruck, Vervielfältigung oder kopieren, wenn auch nur in Auszügen, ist ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages verboten.

 

 

 

 

 

Zum Gedenken an Egon Bahr, gestorben 2015

Verfasst von Richard Herding am 3. September 2015.

ZUM GEDENKEN AN EGON BAHR, gestorben 2015
 
Aus dem Beitrag im "Arbeitskreis Geschichte sozialer Bewegungen von unten: Ost und West" zum Jahrestag des 17. Juni 1953 im Jahr 2003
(Richard Herding -Mitarbeit: Konstanze Buhr, später Kotowenko-, Informationsdienst: für kritische Medienpraxis; redaktionell gelegentlich verändert)
 
Am deutlichsten Egon Bahr im RIAS am 18. Juni abends: es sei „unsagbar schwer“ gewesen, die „fast flehentlich erbetene“ direkte Hilfe verweigern zu müssen. „Es wäre ein Kleines gewesen, durch einen flammenden Aufruf Westberlin auf die Beine zu bringen, wer hätte sich versagt ? Es ist historisch, dass dies nicht geschah“ (Heym, S. 362, Hervorhebung von R.H.). Eben der Egon Bahr, der zwanzig Jahre später die Brandt’sche Entspannungspolitik organisierte. Klar, Berichte über die Streiks gab es über RIAS und NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk) zu hören. Der RIAS war der meistgehörte Sender in der DDR. Aber gab es die massiven Aufforderungen, Appelle, Einmischungen ? Die Bauarbeiterdelegation, die am 16. Juni den RIAS besuchte, entschuldigte sich gleichsam: hätten Grotewohl und Ulbricht mit ihnen gesprochen (anstatt sich zu verstecken), so wären sie nicht gekommen. Ihre Forderungen sind die gewerkschaftlichen, dazu noch 1 Punkt: freie und geheime Wahlen.
 
Der West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzende Scharnowski betonte den Ratschlag, die Streikenden sollten “überall Strausberger Plätze aufsuchen“ – also eben nicht zentral - und eine „disziplinierte“ Bewegung zustandebringen. Die Akten aus Volkspolizei, Staatssicherheitsdienst und Innenministerium dokumentieren ein krasses Missverhältnis zwischen dick aufgetragenen Behauptungen von provokativer Hetzpropaganda und Beweisversuchen, die entweder keine Aufforderungs-Tatbestände enthalten oder von späterer Zeit stammen. Sie stützen damit die These Manfred Rexins (Radio-Reminiszenzen, Berlin 2002, mit Erinnerungen von 38 ehemaligen RIAS-Mitarbeitern; s. auch Herbert Kundler, RIAS Berlin –Eine Radio-Station in einer geteilten Stadt, Berlin 2. Aufl. 2002; vgl. Helmut Trotnows Rezension im TAGESSPIEGEL, 3. Aug. 2002):
 
„Die DDR-Behauptung,der Sender hätte die Rebellion durch seine Berichterstattung erst ausgelöst, ist absolut unhaltbar. Als deutlich wurde, wie ernst es die Arbeiter mit ihren Demonstrationen gegen das DDR-Regime meinten, begab sich der amerikanische Leiter des RIAS, Gordon Ewing, in den Kontrollraum des Studios und bat die Journalisten, in ihrer Berichterstattung die ostdeutschen Zuschauer folgendermaßen anzusprechen: ‚Versucht nicht, gegen die Russen mit bloßen Fäusten zu kämpfen, provoziert nicht die russischen Truppen, verliert nicht die Nerven‘“. Eberhard Schütz im RIAS am 16. Juni abends: „Jeder einzelne muss für sich selbst wissen, ob die Umstände es erlauben, den Widerstandswillen auszudrücken, ... wissen, wie weit er gehen kann“ – nicht unbedingt Antreibertöne (Heym, S. 263).
 
Ähnlich sei es bei der Maueröffnung 1989 gewesen, der RIAS habe eher zu spät, gleichsam zu vorsichtig, berichtet. [Hakenkreuz-Schmierereien gab es tatsächlich, aber vereinzelt, entsprechend dem vermutlichen Nazi-Anteil in der Bevölkerung, nicht massenhaft.] [Zum RIAS gab es kein „östliches Gegengewicht“. Die „Tägliche Rundschau“, deutschsprachige Zeitung der sowjetischen Truppen, galt eher als „verhasst“ laut Polizei / Staatsschutz-Berichten. Nicht von vornherein selbstverständlich.] Von einer Medien-Manipulation, die ins Fernsehzeitalter gepasst hätte, wird auch berichtet: die weiße Fahne an der Polizeistation im Columbus-Haus am Potsdamer Platz, dieses symbolträchtige Textil sei von Fotografen hingehängt worden und nicht von Aufständischen, heißt es. Selbstverständlich macht sich eine Bastion der Staatsgewalt mit Kapitulationsfahne gut als Bild, aber es ist nicht von weiteren solchen Fällen die Rede – noch ein weiter Weg zu dem französischen Philosophen Jean Baudrillard, der im Golfkrieg 1991 behauptete, die (Fernseh-)Bilder seien zum Realitäts-Ersatz geworden.
 
Die politische Logik in beiden Situationen war selbstverständlich das Gleichgewicht der Blöcke, also die Rücksicht auf die „hohe“ Politik, deren Spiel ein regierungs-abhängiger Sender nun gerade nicht von der „Straße“ stören lassen wollte, ohne allerhöchste Rückendeckung eingeholt zu haben. Wenn Stefan Heym am Anfang seines Buches den westdeutschen Minister für „innerdeutsche“ (später: „gesamtdeutsche“) Fragen zitiert, der „Tag X“ –so war der ursprünglich vorgesehene, dann aber fallengelassene Titel von Heyms Buch- könne rascher kommen als Skeptiker zu hoffen wagten, und ein Generalstabsplan sei „so gut wie fertig“, fällt es schwer, dies auf etwas anderes zu beziehen als auf die Wiedervereinigungs-Vorschläge Stalins. Bei diesen mussten aktiv gesamtdeutsch orientierte Politiker wie Kaiser den konservativen Hardlinern in Bonn am Rhein, die insgeheim froh waren über die Trennung von „Sachsen, Preußen, Atheisten, Protestanten“, sogar eine ernsthafte Prüfung noch mühsam abringen. Heym (S. 128, Neuer Vorwärts ) zitiert auch in seinem tagebuchartig aufgebauten Roman am 15. Juni eine Nachricht des „Neuen Vorwärts“, wonach das Ostbüro der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands eine „besondere Rolle“ im „Widerstandskampf spielen sollte – nur, das Schriftstück ist vom 23. Sept. 1952 ! Und in der aktuellen Berichterstattung vom Aufstand tauchte das Ostbüro nicht auf. Immerhin gelang es an einigen Stellen außerhalb von Berlin, den Stadtfunk zu besetzen und für die Sache der Demonstrationen zu benutzen, so in Görlitz. In den Buna-Werken benutzte die Streikleitung das Werks-Radio. Das Initiativ-Komitee in Halle schaffte es um ein Haar, die Ost-CDU-Zeitung „Neuer Weg“ zu besetzen und dort Flugblätter für die Bevölkerung drucken zu lassen – aber die SED-Betriebsgruppe, die erst zugestimmt hatte, sagte während der Arbeit am Textentwurf dem Staatssicherheitsdienst Bescheid, und so blieb es bei dem einzigartigen Aufstand ohne (massenhafte) Flugblätter. Der Zorn über die autoritäre Bevormundung, durch Störsender den West-Radio-Empfang zu erschweren, brach durch: „Wir wollen nicht den Lügensender der DDR. Ein Trupp Freiheitskämpfer“ - von dieser Parole musste die Volkspolizei aus Merseburg, wo ein Störsender geschaltet war, berichten (ohne Ort und .Datum, wie alle Berichte über die Zeit 17. bis 22. Juni; vermutlich Buna/Leuna/Bitterfeld/Eisleben/Halle 23.6.53, Domaschk-Archiv). (Hingewiesen sei noch auf „Bild- und Tondokumente zur Geschichte der DDR“ von der Kulturinitiative 89 / Gesellschaft für demokratische Kultur: „Wer zog die Drähte ? Der Juni-Putsch 1953 und seine Hintergründe, 18. 1.92 im Filmclub Rückblende, Berlin.)
 
Unmittelbare Öffentlichkeit; mit Lob des Fahrrads
 
Aber die ganz überwiegend herausragenden technischen „Medien“ des Aufstands waren – Schuhsohlen und Fahrräder: zig Kilometer wurde in und um Berlin, noch mehr in der sogenannten DDR-„Provinz“ herumgelaufen und herumgeradelt, um den Belegschaften anderer Betriebe mündlich-persönlich Bescheid zu sagen; nicht zu vergessen auch die „Interzonen-Reisenden“: denn Telefon gab es ja noch sehr wenig (über zwei Telefone gar verfügt der höhere Funktionärsgenosse (bei Heym, S. 128) , außerdem stand Überwachung gerade bei Ferngesprächen zu erwarten (Brecht fragte ja lyrisch, ob die Partei „in einem Haus mit Telephonen“ sei ?), ganz zu schweigen von Telefonaten zwischen West und Ost. „Ich setz mich aufs Fahrad und hol sie zurück“, sagt Heyms zwiespältiger Held, nachdem der Ausnahmezustand vom sowjetischen Generalmajor Dibrowa verkündet wurde (S. 332 f.), schnappt sich irgendein klapperndes Rad, fährt durch die Innenstadt und schimpft gleich darauf, wie jemand sein Rad derart verkommen lassen kann. Wie eine kabarettistische Antwort darauf wirkt es, wenn ein Volkspolizei-Bericht meldet, am darauffolgenden Wochenende an einem Badesee „27 West(!)räder“ beschlagnahmt zu haben. (Auch zu erwähnen: die Dampfer-Fahrt der BauarbeiterInnen am 13. Juni.) Wenn das die „Drahtzieherei“ war ... !
 
Und ähnlich der Entzug der Schankkonzession für die „Gastwirtschaft zum Adler“ in Camburg durch die Volkspolizei Jena, weil dort am Abend des 17. Juni eine „Siegesfeier der konterrevolutionären Elemente Camburgs“ stattgefunden habe. Also: Schuhe und Fahrrad, Café und Kneipe – die nichtindustralisierte Öffentlichkeit par excellence. Von der Greifswalder Straße, wo heute das Haus der Demokratie und Menschenrechte im Dreieck Mitte–Prenzlauer Berg–Friedrichshain steht, wird gemeldet: „Eilig geschriebene Zettel wandern von Hand zu Hand“, nicht ohne eine kleine Kneipe zu erwähnen (Der Aufstand im Juni, zuerst Sept. / Okt. 1953, Berlin 1954) (Zwischenbemerkung: Beobachtungen dieser Art sollen keine Idealisierung und Idyllisierung des Aufstands bewirken, gar noch kombiniert mit westdeutscher Arroganz derer, die schon mal hochtönende Spaß-Aufstände geschafft haben. Dutzende von Todesopfern, Tausende von Gefangenen, unbekannte Zahlen von Traumatisierten, von zerstörten Biographien sind nicht nur nicht kleinzureden, sondern der zum „nationalen“ Feiertag ritualisierte Aufstand ist noch nicht genügend bewußt, bekannt –auch im Detail- und als vorbildlich anerkannt.  Während oder vor dem Aufstand von 1953 ist keine Außen-Steuerung belegt, da ist von kreide-beschriebenen Blechen, von Tansparenten (für die das Material knapp war, also: vorne die offizielle Parole vom Ersten Mai, hinten die Kampfparole gegen die Normerhöhungen), von handschriftlich angefertigten Flugblättern die Rede.
 
Liebevoll beschreibt Stefan Heym den Anschlag am Schwarzen Brett des Betriebs: „Das ist kein Sozialismus, das ist Blutsaugerei !“, unterzeichnet vom „Aktionsausschuss der Sozialisten“, als „säuberlich mit Tusche geschrieben“ (Fünf Tage im Juni, München u.a. 1974, S. 85). Und kein Kabarett hätte sich eine schönere Nachrichtenformulierung ausdenken können als die ultimative Verknüpfung von Medienarbeit bar aller technischer Mittel mit dem ohnmächtigen Zorn nach dem niedergeschlagenen Aufstands-Zorn, wie sie der Staatsschutz-Bericht aus dem Bezirk Schwerin, wohlgemerkt aus bäuerlichem Milieu, vermerkt:„Ein Filmvorführer zerstörte eine Schädlingsbekämpfungsmaschine“ (Ministerium des Innern, 14. Juli 1954; Matthias-Domaschk-Archiv, Berlin)
 
Technisch geplante Öffentlichkeit nach der Erfahrung des 17. Juni 1953 
 
Die Mustervorstellung eines spontanen ArbeiterInnen- und Volksaufstands –der, wenn auch nicht mit dem Erringen der Staatsmacht, so doch langfristig in Konzessionen, vor allem materieller Art, und lange 36 Jahre später in der Bürgerrechtsbewegung mit einem, summarisch gesehen, demokratischen Umsturz und mit Neugründung endete- wollte nicht so recht in die Köpfe hinein, weder im Osten noch im Westen. (Zwischenbemerkung: die Rolle der Frauen ist angesichts des hohen Anteils von Berufstätigen auch bereits in der damaligen DDR im Juni-Aufstand bedeutend, stark, unübersehbar. Dass von speziellen Frauen-Themen oder Frauen-Versammlungen wenig bekannt ist, steht dem nicht entgegen; es ging ja um einheitliche Klassen-Forderungen, sowohl ökonomisch und sozial wie politisch. Die Neu-HerausgeberInnen Benno Sarels im Jahr 1991 („La classe ouvrière en Allemagne occidentale“ deutsch „Arbeiter gegen den ‚Kommunismus’: Zur Geschichte des proletarischen Widerstands in der DDR (1945-1958)“, 1958, deutsch 1975 (!)) kritisierten den Autor, dass er Frauen, Jugendliche, Ungelernte vernachlässige. Was sie jedoch als besondere Avantgarde-Leistung der Frauen hervorheben, fand nicht im Rahmen des Aufstands statt, es war vielmehr die Scheidungsrate: etwa in Marzahn bis zu 95 %. – Wir benutzen auch gelegentlich als sprachliche Ausdrucksweise die allgemein-männliche Form, die bei DDR-Frauen vielfach eigene Leistung und Anerkennung, nicht Minderbewertung oder Ausschließung demonstrierte. [Westberlin als Unruhestifter“in“ auf der WebSite der Bundeszentrale für Politische Bildung, gesehen am 20. Jan. 2003 !])
 
Martin Jänicke erwähnt (in „DER DRITTE WEG –Die antistalinistische Opposition gegen Ulbricht seit 1952, Köln 1964), dass die wegen ihrer Teilnahme gemaßregelten SED-Mitglieder zu einem erheblichen Anteil GenossInnen aus der Kommunistischen Partei Deutschlands vor der SED-Gründung waren, davon wiederum ein Drittel bereits vor 1933. Sie hatten also die planmäßige Revolution im Sinn, wie sie Lenin wiederum lange 36 Jahre vorher enthusiastisch als „KUNST“ beschrieben hatte, im Sinn –wobei eben nicht, wie bei Joseph Beuys, jeder Mensch ein Künstler war, sondern in erster Linie die Avantgarde, die führenden Revolutionäre (Illustrierte Geschichte der russischen Revolution, Berlin 1928). Aber auch ihre Lehren erwiesen sich überwiegend als Erinnerungen, gerade auch im Hinblick auf die Öffentlichkeit und die Medien. In einem der Berichte aus den Großstädten der sogenannten Provinz hieß es dann, ach ja, man hätte fast vergessen, was eigentlich als erstes zu tun gewesen wäre: die Telefonzentrale, das Telegrafenamt und den Rundfunk zu besetzen ! Es unterblieb einfach.
 
Genauso die West-Parallele. Dass die Streiks von der Ulbricht-Regierung anfangs als taktische Konzession, als demokratische Finte gedacht gewesen seien, hatte kein geringeres Blatt als Augsteins SPIEGEL im nachhinein zu belegen versucht – aber Fehlanzeige, es stimmte nicht. Das wiederholte sich 1989, als es nach Aufdeckung diverser Tätigkeiten von Widerstands-Literaten der Eindruck entstand, „als sei die ganze oppositionelle Literatur vom Prenzlauer Berg bloß eine Inszenierung der Staatssicherheit gewesen...Die DDR erschien als perfekte Diktatur, in der sogar die Ansätze von Widerstand als Teil des totalen Machtspiels zu betrachten waren“ (s. Jörg Magenau, Christa Wolf –Eine Biographie-, Berlin 2002; Vorabdruck aus TAGESSPIEGEL 17. März 2002).  Wenn es den Versuch der Außensteuerung durch westliche „Stellvertreter“-Medien gab, so in der Zeit nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953, besonders ein Jahr später, zum 17. Juni 1954. Da berichten Volkspolizisten von aufgefundenen Flugblättern, etwa auch per Ballon in Polen abgeworfen –auch in russischer Sprache-, die offenbar für die DDR bestimmt waren. Auch die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ und der „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen“ werden erst dann, nicht aber am 16.-19. Juni 1953 als Quellen solcher Medien genannt.
 
Höhepunkt selbstverständlich 2002, als im mittlerweile gesamtdeutschen Westen „50 Jahre Fernsehen“ gefeiert wurde. „Der 17. Juni 1953: Katastrophe für Deutschland – Triumph für den 16 mm-Film“, diesen Titel gab es wirklich (NWDR-Rolle, im Norddeutschen Rundfunk –Fernsehen-, Nacht vom 21. auf 22. Dez. 2002; ganz in militärischer Stimmung hieß es auch: das NWDR-Team „nimmt Deckung“ in der S-Bahn-Station). Direktere Ereignis-Aufnahmen hatte das West-Fernsehen in seinen Anfängen nicht zu bieten gehabt, mit 16 mm würde das in Zukunft besser gehen, und es war der Aufstand, der die Verantwortlichen von dieser technischen Umstellung überzeugte. Ebenfalls Fehlanzeige: Sicher hatte das West-Fernsehen als westliches „Schlaraffen-Medium“ an der zugrundeliegenden Stimmung für 1989 einen wesentlichen Anteil, aber für eine andere Aktivität: fürs Abhauen (dem die Bürgerrechtsbewegung vehement widersprach), und eben nicht fürs Aufstehen. Und die östliche Fortschritts-Perspektive nach dem Aufstand: Lochkartenstreifen müssen her ! (Bericht 17.-22.6.53 des Ministeriums des Innern über die Volkspolizei incl. VP-See und VP-Luft bei der „Niederschlagung der faschistischen Provokationen“ / Nachrichtenverwaltung, Domaschk-Archiv) – in anderen Worten: die Geburt des Computers aus dem Geist der Kontrolle.
 
Literarische Verarbeitung im biographischen Widerspruch 
 
Die historische Verarbeitung des 17. Juni 1953 wurde mit langer, langer Verzögerung und gegen harter Behinderung immerhin noch in der DDR – aber ebenfalls als „Öffentlichkeit von Anwesenden“ durchgesetzt. Aus dem Roman, der damals noch „Der Tag X“ heißen sollte und schließlich, viel später und mehrfach umgeschrieben, 1974 als „Fünf Tage im Juni“ im Westen herauskommen sollte, hatte Stefan Heym fünf Jahre nach dem Abschluss des Manuskripts, nämlich 1965, in seiner Geburtsstadt Chemnitz=Karl-Marx-Stadt=(wieder)Chemnitz gelesen; das regionale SED-Blatt „Freie Presse“ meldete immerhin, das bisher unveröffentlichte Buchmanuskript (warum unveröffentlicht, wurde nicht gesagt) spiegle die Ereignisse um den 17. Juni 1953 wider, während die FDGB-Zeitung „Tribüne“ (Berlin / DDR) über den Inhalt gar nichts verlautbarte, nur die anschließende Diskussion „interessant“ zu nennen wusste. (Westfälische Rundschau, Dortmund, 23. Febr. 1965) Nehmen wir an, es war die zweite Version, in der das kurzsichtige Volk seinen Staat an den Kapitalismus auszuliefern droht, und in dem „faschistische Provokationen“ vorkommen – nicht die erste und die dritte, endgültige, wo der Aufstand das eigene Produkt, der eigene Widerspruch, der DDR-Arbeiter ist. Auch hier: Zwanzig Jahre für ein Buch, ungezählte Regalmeter Material in Heyms Hinterlassenschaft im englischen Cambridge, ungemessene handwerklich-nichttechnische Mühe für dieses eine Fenster der Öffentlichkeit.
 
Statt Zusammenfassung: Wie der 17. Juni „in unserem Leben“ auftauchte 
 
Konni Buhr: Schulunterricht in Thüringen, zur DDR-Zeit: „diese Provokationen da ...
 
„Hier ist so ziemlich mein gesamtes Wissen zum Thema 17. Juni 1953. Natürlich muss man auch alles im Zusammenhang mit Parteitag und erstem Fünfjahresplan sehen, aber ich habe das Gefühl, das will keiner mehr wissen. 17. Juni 1953 – das sind 17 Jahre vor meiner Geburt. Da ich in einem unpolitischen Umfeld aufgewachsen bin -so unpolitisch eine Lehrerfamilie in der DDR sein konnte- habe ich wohl das erste Mal im Geschichtsunterricht von den damaligen Ereignissen gehört. Ich habe nur wenige Erinnerungen an das, was ich darüber gelernt habe, deshalb habe ich mich mit einer Geschichtslehrerin in Verbindung gesetzt, um mein Wissen aufzufrischen. Im damaligen Lehrplan (1986) war EINE Unterrichtsstunde in der 10. Klasse für den 17. Juni vorgesehen. Ich bin erstaunt, dass trotzdem die Botschaft dieser Stunde bei mir hängen geblieben ist: am 17. Juni 1953 wurde mit Hilfe der Roten Armee und der kasernierten (?) Volkspolizei ein konterrevolutionärer Aufstand in Berlin niedergeschlagen. Und das kam so: imperialistische Kräfte, die daran interessiert waren, die Errungenschaften des Sozialismus zu zerstören, haben die Arbeiter aufgehetzt. Das damalige Motto hieß: So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben ! Die Arbeiter jedoch gingen mit der Forderung auf die Straße „Erst fressen- dann arbeiten!“ Das geht so natürlich nicht, deshalb wurden dank der oben erwähnten Roten Armee und der Volkspolizei die Anführer verhaftet und der Aufstand (nach meiner Erinnerung unblutig) niedergeschlagen. - Ich nehme mal an, dass wir nach der Vermittlung der Fakten noch ein wenig darüber gesprochen haben, wie undialektisch die Forderung der Arbeiter war, und dann hat es geklingelt und wir sind zur Pause gegangen.
 
Richard Herding: Schulweg in der idyllischen Universitätsstadt Tübingen am Neckar, Bundesrepublik, französische Zone: „das machen die nur ….
 
„Ich erinnere mich, dass ich am Morgen des 17. Juni die Treppe herunterkam, auf dem Weg zur Schule. Das „Schwäbische Tagblatt“ lag auf der Stufe, und die Schlagzeile war besonders dick. Ich schaute drauf, da stand etwas von Streiks in Ostberlin. Als neunmalkluger 11-jähriger Gymnasiast durchschaute ich selbstverständlich die Welt vollständig und schwang mich gegenüber dem Klassenkameraden, der mitging, zum ersten politischen Fehlurteil meines Lebens auf: „Das machen die nur, damit sie sagen können: guckt mal, bei uns auch.“ (Dass DER SPIEGEL das auch so gesehen hatte, erfuhr ich erst viel später.) Im Unterricht wurde nicht davon gesprochen. - Ich glaube übrigens, dass ich in dem gleichen Jahr, Stalins Todesjahr, oder ein Jahr früher, 1952, zur Fastnacht „als Stalin gegangen“ war (dicker Schnauzbart angeklebt; ein grüner Lodenmantel sollte die Uniform darstellen; roter Stern angeheftet). Kaum Echo bei den anderen Kindern – das war weit, weit weg. 
 
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------Wie Sie sehen, es ist das gleiche Lied: weder die Lehrerin von 1986 noch der Schüler von 1953 vermochte an eine spontane Aufstandsbewegung zu glauben. Da musste doch eine Autorität, eine Kaderorganisation, eine Zentrale, ein Kommando die Fäden gezogen haben ... Das Fazit der Öffentlichkeits-Produktion des Juni-Aufstands ist aber: der spontane Protest ist durchaus imstande, sich artikulieren, und politische Öffentlichkeit wird immer „vorindustriell“ geschaffen (Negt & Kluge). Oder, wie es Wolfgang Ullmann über 1989 ausdrückte:
„Die Straße“ gehört zur Demokratie dazu.
 
Das haben wird gelernt.

Querulanten. Spinner, Helden, Gefahr?

Vom 3. Juni 2011. Autor Björn M. Langneff. Dieser Artikel ist im Archiv zu finden

Von Kohlhaas bis zu anonymen "Schriftstellern". Wie werden Querulanten gesehen?

ALTERNATIVSZENE UND GEFANGENE - BEFREIEN: JA. BEGREIFEN: NEIN.

Vom 7. Oktober 2009. Autor Richard Herding

Über die Insassen und deren Leben hinter deutschen Gefängnismauern ist der Öffentlichkeit wenig bekannt.

In den Knast-Basis-Berichten deutschsprachiger alternativer Medien seit den 1970er Jahren galten Gefangene nur als Opfer, erst die Frauenbewegung sah sie auch als Täter.

Wie wird die Internet-Öffentlichkeit im Zeitalter von „Knast 2.0“ aussehen?

2009: Eine neue Integrationsstudie- Zwischen „erschreckender“ Bilanz und Befeuerung negativer Ressentiments

Vom 7. Oktober 2009. Autor Daniela Kalex

Im Januar 2009 veröffentlichte das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ eine Studie mit dem Titel “Ungenutzte Potentiale, Zur Lage der Integration in Deutschland“ [Studie zum Download, Besuch 9.10.09].  Zu den am häufigsten von den Medien zitierten Ergebnissen zählte die „Erkenntnis“, dass die TürkInnen die mit Abstand am schlechtesten integrierte MigrantInnengruppe Deutschlands seien. Nicht so sehr die Studie selbst als vielmehr das darauf folgende oft undifferenzierte Medienecho schürten Ressentiments, v.a. gegenüber türkischen und arabischen MigrantInnen und ermöglichte so ein mediales TürkInnen-Bashing.

Wem gehört die Information?

Vom 4. Oktober 2008. Autor Sabine Kleczewski

Das Menschenrecht auf Information ist leicht als Anspruch formuliert, seine Durchsetzung - die noch dazu auf globaler Ebene erfolgen muss - ist aber keineswegs einfach. Beschränkungen der Informationsfreiheit gibt es weltweit - trotz der scheinbar grenzenlosen technischen Möglichkeiten, die beispielsweise das World Wide Web bietet. Nie war so viel Information frei verfügbar wie heute und nie war es doch zugleich so schwierig, ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und aus der Fülle eine Auswahl zu treffen.

Dieser Problematik und der Frage, wem die Information gehört, ging Sabine Kleczewski im Rahmen der Vortragsreihe des Informationsdienstes: für kritische Medienpraxis am 11.9.2008 nicht nur im Wortsinne auf den Grund. Ihr Referat greift wesentlich weiter und sucht nach Ansätzen auf verschiedenen Ebenen.

Zehn Jahre "Projekt Nachrichtenaufklärung"

Vom 9. September 2008. Autor Richard Herding

Das "Projekt Nachrichtenaufklärung" in Dortmund ist die jährliche Ohrfeige für die Medien: was habt ihr alles vernachlässigt, vergessen, verdrängt, verschwiegen?!? Es ist dem "Project Censored" in den U.S.A. nachempfunden. (Selbstzensur in den Medien ist da gemeint, nicht oder nur selten geht's um staatliche Zensur!) Allerdings bringt dieses immer eine Meldung aus der "kleinen" alternativen Medienwelt, um die "große" und fette daran zu messen.

Der "Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten" (Frankfurt am Main wöchentlich 1973 bis 1981) hat sicherlich auch Pate gestanden. Gelegentlich wird der Begriff "unterbliebene" Nachrichten auch als angemessenes Verständnis dieser mysteriösen Selbstzensur herausgehoben. Erwähnt wird das alternative Blatt "ID" jedoch auffallenderweise nie. Vielleicht weil es gelegentlich ins Visier des Staatsschutzes geraten war, ohne jedoch zum Beispiel wegen verfassungsfeindlicher Inhalte angezeigt zu werden.

"Informationsdienst: für kritische Medienpraxis"

Vom 3. April 2007. Autor Verena Zajonc, Jan Oppermann

Was war gut? Was schlecht? Was habt Ihr/haben Sie vermisst? Was sollte sich ändern?

 Wir, die verbliebenen MitarbeiterInnen, möchten den "Informationsdienst: für kritische Medienpraxis" wiederbeleben, wobei die bestehenden Schwerpunkte und Themen weitestgehend erhalten, dabei veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst und das Angebot (u.A. um einen Newsletter) erweitert werden soll. (Eine ausführlichere Beschreibung findet Ihr/finden Sie unter dem Titel: "DER ID IST TOT - ES LEBE DER ID!")

Der ID Medienpraxis freut sich sehr über Kritik und Anregungen!!!


Bitte mailt/mailen Sie uns Eure/Ihre Meinung!

Impressum V.i.S.d.P.

Vom 26. Februar 2007. Autor Richard Herding und Petra Leischen

 

Impressum

 

 

Informationsdienst: für kritische Medienpraxis

Greifswalder Str. 4, Raum 0103

Haus der Demokratie und Menschenrechte

D-10405 Berlin (Prenzlauer Berg)

 

S/U-Bahn Alex,  Tram M4, N54, Bus 200,240: ,,Am Friedrichshain“, TXL: ,,Moll- /Braun- Str.’’

 

 

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INFORMATIONSDIENST: FÜR KRITISCHE MEDIENPRAXIS

Vom 11. Februar 2007. Autor Richard Herding

Der "Informationsdienst: für kritische Medienpraxis" (e.V., Berlin, gemeinnützig) ist ein JournalistInnenbüro, das sich für den Zugang benachteiligter Einzelner und Gruppen zur Medienöffentlichkeit engagiert.

WIR TRAUERN UM MATTHIAS BELTZ:

Vom 9. Februar 2007. Autor Richard Herding

Anfang April 2002 wurde in Frankfurt am Main der Kabarettist, Jurist, ex-Fließbandarbeiter und anarchistischer Quer-Kopf Matthias Beltz zu Grabe getragen. Wir mochten seinen trockenen Witz, der immer am schärfsten um die selbstkritischen Gags bemüht war (Beltz hilf uns bei unseren Freunden – mit den Feinden werden wir selber fertig!) und trauern um ihn.

KOREA UND DIE DEUTSCH-DEUTSCHEN ERFAHRUNGEN: Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, von Politikberatung bis DDR-Erfahrenen

Vom 27. Juni 2006. Autor Richard Herding

Die zwei Deutschlands haben sich 1990 vereinigt, als es kaum mehr möglich oder wünschenswert schien. Und die zwei Koreas ? Mit Atombombe, Internierungs-Lagern, Hunger, strikter Abschottung scheint das fast aussichtslos. Südkorea ist noch zu einer "Sonnenschein-Poluitik" bereit, Nordkorea kaum. Könnten frühere DDR-AktivistInnen mit ihren Erfahrungen helfen ? Etwa diejenigen, die 1989 zu den Weltjugendfestspielen nach Pjöngjang kamen ? Wie könnte das organisiert werden ? Thesen einer Diskussion im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte...

KOREA UND DIE DEUTSCH-DEUTSCHEN ERFAHRUNGEN: Agenda für Symposiums-Beiträge im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte

Vom 12. Mai 2006. Autor Richard Herding

Hans-Andreas Schönfeldt, Jurist, Doktor-Thema: Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen, bringt DDR-Erfahrung mit und ist dem Berliner "Haus der Demokratie und Menschenrechte" als Kurator verbunden. Für Johannes Klausa, Politikwissenschaftler, Diplom-Thema: Strategien für geteilte Länder am deutschen Beispiel, ist die Zweiteilung Geschichte; im HDM hat er Praktikum gemacht. Beide gaben Anstöße für ein geplantes Symposion: Deutsche Erfahrungen für Korea nutzen !? Hier schon mal das "Who is Who" geeigneter ExpertInnen und PolitikerInnen ...